alpenblick2021 1 TitelDie Berge als Kulisse (?) in den sozialen Medien

Ein beachtenswertes Thema für die Titelstory , das allerdings auch kritisch zu beleuchten ist. Der untergewichtete, aber gute Einseiter von Peter Righi (Alpenverein Südtirol) nennt Ansätze einer Kritik am Influencertum, dass „Follower“ über soziale Medien inspiriert und weiteren „Overtourism“ erzeugt: Mit der Konsequenz, dass den Bergfreunden Einschränkungen von bisher gewohnten Freiheiten drohen. Auch der lesenswerte Gastkommentar von Riki Daurer (Betreiberin einer Online-Agentur) und der im Vergleich wohl stärker gewichtete Artikel zum Fototourismus „Berg als Kulisse“ von Anni Goetze geben Stoff für einen fruchtbaren Diskussionsprozess aus dem Blickwinkel der Sektion. Insofern ist der Redaktion sehr zu danken.

Wie immer man das Thema beurteilt, kann man aber einen gewissen Bruch zu Traditionen und bisherigen Grundphilosophie des Alpenvereins nicht ganz übersehen: Wir streben nach Einklang von Körper, Geist und Seele mit der wild-schönen Natur. Das bergsteigerische Erlebnis lehrt uns Demut und lässt uns ein Eigenrecht der Natur anerkennen. Bisher jedenfalls wollten viele von uns die Alpen keinesfalls als bloße Kulisse degradiert sehen, vor der Mann oder Frau wie ein Model für die Community posiert oder Events gestaltet. Ich meine, dahinter steckt mehr als eine generationsspezifische Geschmacksache.

Dabei will ich der Influencerin Anni Götze nicht absprechen, dass sie mit vielen von uns die Faszination der Berge teilt und, wie auch der DAV, gute Tipps gibt. Allerdings sehe ich gewisse Widersprüchlichkeiten. Sie will „eher nicht dort sein, wo die Masse ist“ und schließt mit dem Messner-Zitat: „Wirklich innovativ ist nur, wer dorthin geht, wo die anderen nicht sind“. Ihr Beitrag und ihr Auftritt verstehen sich trotz gegenteiliger Beteuerungen insgesamt aber eben doch eher als Anleitung zum Nachmachen für die Follower. Deshalb heißen sie im Jargon der sozialen Medien ja auch so. Gerade in Zeiten einer Pandemie ist das kritisch zu sehen. Was heute noch als „Geheimtipp“ gehandelt wird, ist morgen ein neuer Hotspot. Die Schraube existiert seit Beginn des Tourismus und der DAV hat selbst ordentlich daran mitgedreht. Doch steht für uns heute im Fokus, wie wir den Tourismus verträglich kanalisieren und dem Overtourismus Grenzen setzen oder zurückfahren.

Man muss nur etwas googeln, um zu erkennen, dass beim Teilen und Posten durch Influencer in den sozialen Medien ab einer gewissen Stufe in der Regel kommerzielle Gesichtspunkte ins Spiel kommen. Es wird von der modernen Form von Marketing und Werbung gesprochen. „Wir müssen daher immer im Hinterkopf behalten, dass die Plattformbetreibe nicht am Wohl der Menschheit, sondern an unseren Daten“ für Werbezwecke interessiert sind, so der Gastkommentar. Dieses Motiv will ich der Autorin zum Fototourismus nicht unterstellen. Die Frage ist nur, wer profitiert am Ende und was sind die längerfristigen Auswirkungen auf die Sektion?

Generell ist der wachsende Einfluss solcher Geschäftsmodelle auf den Alpenverein im Auge zu halten, gerade wenn sie etwas versteckt funktionieren, über Clicks, Followerzahlen, Algorithmen oder Cookies. Unser Ziel sollte sein, die Kommerzialisierung weiterhin eingegrenzt zu halten, denn darin liegt eine Stärke des Alpenvereins, um die uns viele beneiden. Der schleichende Einfluss auf unsere Kultur sollte nicht übermäßig und vor allem nicht unreflektiert den Likes einer undefinierten Community überlassen werden. Es geht schließlich um Geld, Konsum, Mode, sogenannten Lifestyle und dahinterstehende Interessen. Gleichzeitig wollen wir aber auch keinen verstaubten Konservativismus pflegen, der sich gegenüber allem Neuen verschließt und Teile der Jugend abstößt. Vor allem brauchen wir Transparenz, kritische Analyse und strategische Antworten, die die Pluralität unserer Kultur und durchmischten Mitgliederstruktur gleichzeitig sichern und verjüngen helfen. Sinnvoll wäre da wohl eine Pro- und Contra-Bewertung unter aktiver Beteiligung der kritischen Jugend und junger Erwachsener.

Ulrich Kühnl, ehemaliger 1. Vorsitzender DAV Sektion Augsburg