Bild1 Gipfelglück auf dem Monte Scherbelino

Von Jochen Cantner;

Die von der Bergsteigerabteilung Mitte Mai sehr kurzfristig ausgeschriebene und bei herrlichem Frühsommerwetter veranstaltete „Augsburger 3-Gipfel-Tour“ war nicht nur rad- und bergsportlich interessant, sondern umfasste fachlich das gesamte Themenspektrum Natur, Umwelt, Kultur.

Bereits am Startpunkt der Tour, dem Hochablass am Augsburger Alpenfluss Lech, konnte man erfahren, dass das historische Wehr von 1911/12 eine tragende Komponente der weltberühmten Wasserwirtschaft der Stadt Augsburg darstellt (Stichwort UNESCO-Welterbe). Leider gibt es aber auch Schattenseiten: die vielen Staubauten und Wehre, die ihren Anfang am Forggensee bei Füssen nehmen, verhindern das natürliche Kiesgeschiebe, was eine Vertiefung des Flussbettes mit negativen Auswirkungen auf das Grundwasser hat, ganz abgesehen von den ungünstigen Bedingungen für Fauna & Flora. Mit diesen Hintergrundinformationen radelten wir am Lech entlang flussabwärts nach Gersthofen zum ersten Gipfel der Führungstour.

Gipfel 1: Monte Scherbelino

Es handelt sich dabei um die ehemalige Hausmülldeponie Nord der Stadt Augsburg, betrieben seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, mittlerweile stillgelegt, saniert und auch renaturiert. Seit 2016 wird der Altberg als Naherholungsgebiet genutzt, an seine Vergangenheit erinnern nur noch die Entgasungsschächte und – gut versteckt zwischen üppigem Grün – die technischen Einrichtungen des Deponiegaskraftwerks und der Kläranlage für das Sicker- und Oberflächenwasser. Hinauf zum Gipfel sind 55 Höhenmeter zu überwinden, dazu gibt es unterschiedliche Wanderwege mit einem Wegenetz

von rund 2400 Metern. Seit September 2019 ziert den „Monte Scherbelino“ ein sturmgeprüftes Gipfelkreuz, gestiftet von der Abteilung Alpin des TSV Gersthofen. Im Frühjahr und im Herbst nutzen Zugvögel das Gebiet als Rastplatz. Die angelegte Graslandschaft, die ursprünglich aus der Firnhaberau-Heide in Jute-Kokosmatten eingewebt und umgesiedelt wurde, bietet Nahrung und Schutz. Weiter unten im bewaldeten Bereich fühlen sich Kleinwild und Reptilien wohl.

Intermezzo 1: Branntweinbach und Höhgraben

Ganz in der Nähe nordwärts liegt die Gersthofener Lechheide, durchzogen von verschiedenen Bächen und Gräben. Interessant für die Erkundung im Rahmen unserer Exkursion waren die beiden einstmaligen Quellbäche Branntweinbach und Höhgraben. Der Branntweinbach hatte seine Quelle im heutigen Gebiet der Hammerschiede und verlief in nördlicher Richtung durch Feldflure und mündete gegenüber von Stettenhofen in den Lech. Allerdings fiel er bereits im 19. Jahrhundert sukzessive trocken. Grund hierfür war die Regulierung des Lechs mit der Folge der bereits benannten Eintiefung, wodurch auch der Grundwasserspiegel sank und die Quellen des Branntweinbachs versiegten. Im Jahr 1996 begann man zur Wiederherstellung des einstmaligen Wasserbiotops, Lechwasser durch eine Rohrleitung aus dem Lechkanal und über den neugeschaffenen Chardonnaybach in den Unterlauf des Branntweinbachs einzuleiten. Durch die Wiederbewässerung konnten sich in der trockengefallenen Lechaue wieder wertvolle Feuchtlebensräume entwickeln. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr dem Höhgraben, dessen Quellen nahe des heutigen Industriegebiets Lechhausen lagen. Nach dem Jahrhundertsommer im Jahr 2003 fiel er nahezu komplett trocken. Eine Erholung fand aber nicht mehr statt und mit Trockenfall verschwanden seltene Tier- und Pflanzenarten. Ursachen sind hier die Flächenversiegelung des stetig wachsenden Industriegebiets, wodurch das Regenwasser in der Kanalisation verschwindet und somit nicht mehr ins Grundwasser gelangt, und auch die allgemeinen Auswirkungen des voranschreitenden Klimawandels, gekennzeichnet durch geringere bzw. niederfrequentere Niederschläge. Mittels eines Flurneuordnungsverfahrens möchte die Stadt Augsburg zunächst auf die Flächen des Höhgrabens Zugriff erlangen und im Weiteren eine Wiederherstellung des Biotops erreichen.

Gipfel 2: Mount Bärenkeller

Als Beispiel für vorbildliche Landschaftsgestaltung gilt der „Mount Bärenkeller“, der zweite Gipfel unserer NUK-Exkursion. Hierbei handelt es sich um die naturschutzrechtliche Ausgleichsfläche des vor 25 Jahren von den Städten Augsburg, Gersthofen und Neusäß errichteten Güterverkehrszentrums Raum Augsburg (GVZ), welche rund ein Drittel der Gesamtfläche des Zentrums von 120 Hektar einnimmt. Dabei handelt es sich um Grünland-, Gehölz-, Rohboden- und Wasserflächen, dabei auch mit einer Erhebung, die aus dem Aushub für die Baulichkeiten des GVZ stammt. Der größte Teil davon ist mit zahlreichen Wegen und Bänken öffentlich zugänglich. Der höchste Punkt, der „Mount Bärenkeller“, wird auch hier von einem Gipfelkreuz geziert. Insgesamt wurde ein artenreicher Lebensraum für Tiere und Pflanzen und ein abwechslungsreiches Gelände für Spaziergänger geschaffen. Diese Art der Grünplanung sollte für alle Gewerbe- und Entwicklungsgebiete gelten.

Intermezzo 2: Naturschutzrechtliche Ausgleichsfläche an der Universitätsklinik Augsburg

So auch für die neue Universitätsklinik Augsburg bei Neusäß, welche sich gerade mit umfangreichen Bauarbeiten aus dem ehemaligen Zentralklinikum entwickelt und entsprechende naturschutzrechtliche Ausgleichsflächen erfordert. Den aktuellen Stand konnten wir beim Vorbeiradeln in Richtung des dritten Gipfels unserer Exkursion einsehen. Dort wurde vom 

Landschaftspflegeverband Augsburg bereits arrondierendes Ackerland in blütenreiche Blumenwiesen umgewandelt und dabei Totholz, Sand- und Steinhäufen eingebracht, was insbesondere Insekten, Reptilien und Vögeln neuen Lebensraum bieten soll. Details der Planung und Umsetzung und vermittelt ein Naturerlebnispfad mit Informationstafeln.

Gipfel 3: Bismarckturm

Über die steile Asphaltrampe im Neusässer Ortsteil Steppach erreichten wir schließlich den guten alten Bismarckturm. Auch hier gibt es ein Gipfelkreuz, allerdings vorgelagert und mit vornehmlich religiöser Intention. Der Bismarckturm selbst wurde zu Ehren des ersten deutschen Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck beginnend im Jahr 1901 und in vierjähriger Bauzeit errichtet. Er entspricht dem Einheitsentwurf „Götterdämmerung“ und ist damit baugleich mit rund 50 anderen Bismarcktürmen und -säulen, die an vielen Orten des damaligen Deutschlands, in den ehemaligen Kolonien sowie auf allen Kontinenten errichtet wurden. Der Turm steht auf Neusässer Stadtgebiet, die Stadt Augsburg ist Eigentümer des Turms und des umgebenden Geländes, der Erholungsgebieteverein Augsburg e.V. ist für dessen Unterhaltung verantwortlich. Sommerzeits ist der 20 Meter hohe Turm öffentlich zugänglich, und vor dem Bau der Kletterhalle der DAV-Sektion Augsburg und anderer künstlicher Kletteranlagen war er ein beliebter Boulderfelsen. Thomas Sailer, Leiter der Bergsteigerabteilung, bot uns dazu eine eindrucksvolle Demonstration – wie auch schon zuvor an der öffentlichen Kletterwand am Wasserspielplatz Flößerpark am Lech.

Intermezzo 3: Wertach-Kraftwerk am Gollwitzer Steg

Die Weiterfahrt zum Endpunkt unserer Tour an der Wertach, dem zweiten Augsburger Alpenfluss, führte uns über den Gollwitzer Steg und vorbei am Wertach-Kraftwerk. Dieses Wasserkraftwerk wurde im Jahr 1920/1921 von der Stadt Augsburg zur Stromversorgung der Augsburger Straßenbahn erbaut und später dazu der Wertachkanal in Verlängerung des Fabrikkanals angelegt. Das Wertachflussbett ist an dieser Stelle heute sehr viel tiefer als der Wertachkanal, Stichwort Eintiefung. Das Kraftwerk, mittlerweile in privater Hand und bewohnt, soll weiterhin erhalten werden. Aktuell wird nach 101 Jahren Betrieb die zweite Turbine ersetzt. Ebenfalls bemerkenswert: das walmdachbesetzte Kraftwerksgebäude mit einem recht dekorativen Mosaikbild der Wertach, offensichtlich in einem Gustav Klimt Neo-Stil.

Mit diesen schönen und vielfältigen Eindrücken und mit rund 40 Rad- und Bergkilometern in den Beinen begaben wir uns zum Abschluss unserer Führungstour zur nahegelegenen Kulperhütte und ließen dort die reichhaltige NUK-Exkursion mit einem zünftigen Bio-Radler ausklingen. Herzlichen Dank für den gelungenen und lehrreichen Tag an alle Beteiligten!
Bildblock 1v4 Impressionen von Monte Scherbelino & Branntweinbach und HöhgrabenBildblock 2v4 Impressionen von Mount Bärenkeller & Ausgleichsfläche Universitätsklinik AugsburgBildblock 3v4 Impressionen vom Bismarckturm & FlößerparkBildblock 4v4 Impressionen vom Wertach-Kraftwerk & Kulperhütte
Titelbild: Gipfelglück auf dem Monte Scherbelino
Bildblock 1: Impressionen von Monte Scherbelino & Branntweinbach und Höhgraben
Bildblock 2: Impressionen von Mount Bärenkeller & Ausgleichsfläche Universitätsklinik Augsburg
Bildblock 3: Impressionen vom Bismarckturm & Flößerpark
Bildblock 4: Impressionen vom Wertach-Kraftwerk & Kulperhütte