Cover WBGU Gutachten Landwende im AnthropozänMit den richtigen Maßnahmen für eine nachhaltige Landnutzung lassen sich Klimawandel, Ernährungskrise und Biodiversitätsverlust gemeinsam bekämpfen. Eine integrierte Sicht auf diese drei großen Themen ist die zentrale Empfehlung des neuen Gutachtens des „Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) entwickelt in seinem Gutachten „Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration“ Handlungsoptionen für konkretes Regierungshandeln. Dabei umfasst der Begriff „Land“ den Boden, Pflanzen und Tiere sowie Flüsse und Seen. Nur wenn sich unser Umgang mit Land grundlegend ändert, können die Klimaschutzziele erreicht, der dramatische Verlust der biologischen Vielfalt abgewendet und das globale Ernährungssystem nachhaltig gestaltet werden.

Daher schlägt der WBGU insbesondere fünf exemplarische „Mehrgewinnstrategien“ vor, um Konkurrenzen zwischen Nutzungsansprüchen zu überwinden. Diese Strategien sollten in praktische Politik übertragen werden, darunter insbesondere eine Neuorientierung der EU-Politik und die Errichtung von Gemeinschaften gleichgesinnter Staaten:

  • Der WBGU empfiehlt erstens einen massiven Ausbau der Renaturierung von Landökosystemen. Das im Rahmen der „Bonn Challenge“ gesteckte Ziel der Renaturierung von 350 Mio. Hektar degradierter Landfläche bis 2030 sollte nicht nur erreicht, sondern deutlich erweitert werden. Die Bonn Challenge ist eine Initiative Deutschlands und der Weltnaturschutzunion zur Wiederherstellung von Wäldern und waldreichen Landschaften weltweit. Hierbei sollte die Wiederherstellung biodiverser und standortgerechter Wälder, Feuchtgebiete und Graslandschaften im Vordergrund stehen, um gleichzeitig einen Mehrgewinn durch die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre zu erzielen. 350 Mio. Hektar entsprechen 2 % der Landfläche der Erde. CO2-Entfernung aus der Atmosphäre ist allerdings kein Ersatz für die notwendige massive Reduktion von CO2-Emissionen und sollte daher in Klimaschutzstrategien nicht in einem pauschalen Klimaneutralitätsziel gegen CO2-Minderung aufgerechnet werden, sondern unabhängig von dieser verfolgt werden.
  • Effektive, vernetzte Schutzgebietssysteme bilden zweitens das Rückgrat des Ökosystemschutzes. Ausweitung und Aufwertung der Schutzgebiete sind entscheidende Voraussetzungen dafür, die globale Biodiversitätskrise zu entschärfen. Die terrestrischen Schutzgebietssysteme sollten auf 30 % der Erdoberfläche ausgeweitet werden, unter konsequenter Anwendung international vereinbarter Qualitätskriterien. Auch dies trägt im Sinne eines Mehrgewinns zum Klimaschutz bei und erhält langfristige Potenziale für die Ernährungssicherung.
  • Drittens ist die Förderung einer auf Vielfalt beruhenden Landwirtschaft eine weitere Mehrgewinnstrategie, mit der die globale Landwende gelingen kann. Für die EU-Agrarpolitik empfiehlt der WBGU eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft durch ihre umfassende Ökologisierung. Damit werden gleichzeitig Ernährungssicherung, Klimaschutz und Erhaltung der Biodiversität gefördert.
  • Viertens liegt ein vielversprechendes Potenzial, um den Druck auf die Landökosysteme zu entschärfen, in der Transformation der Ernährungsstile in den Industrieländern, insbesondere durch die Verringerung des Anteils an Tierprodukten. Eine Orientierung an der „Planetary Health Diet“ sollte als Grundsatz in Ernährungsleitlinien verankert und auch seitens der Bundesregierung empfohlen werden.
  • Fünftens bietet da Bauen mit Holz effektive Möglichkeiten, langfristig Kohlenstoff zu speichern. Das Holz dafür muss aber aus standortgerechter, nachhaltiger Waldwirtschaft stammen, die weder Biodiversität noch Ernährungssicherung gefährdet. Dazu sollte mit internationalen Partnern eine weltweite „Mission nachhaltiges Bauen“ initiiert und mit der EU-Initiative für ein „neues europäisches Bauhaus" verknüpft werden.

Weitere Informationen

  • Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen wurde 1992 im Vorfeld der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung („Rio-Konferenz“) von der Bundesregierung als unabhängiges wissenschaftliches Beratergremium eingerichtet. Der WBGU wird gemeinsam vom Bundesforschungsministerium und vom Bundesumweltministerium finanziert
  • Das aktuelle WBGU-Gutachten findet sich in der Lang- wie auch in der Kurzfassung unter: https://www.wbgu.de/pe-landwende
  • Bis vor kurzem war Maja Göpel, die bekannte Politökonomin, Transformationsforscherin und Expertin für Nachhaltigkeitswissenschaft, in der Funktion als Generalsekretärin des WBGU tätig. Zum 1. November 2020 wechselte sie als wissenschaftliche Direktorin an das neu gegründete „The New Institute“ in Hamburg. Vergleiche zu ihrer aktuellen Buchveröffentlichung nochmals unsere Newsmeldung „Natur, Umwelt, Kultur: Unsere Welt neu denken“ vom 25.5.2020, verfügbar unter: https://www.dav-augsburg.de/aav/verein-berichte/1371-natur-umwelt-kultur-unsere-welt-neu-denken

Bild: Cover WBGU-Gutachten „Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration“ © WBGU