Faszination „Transalpin“

von Helmut Röhm

Vom Tarscher Joch abwärts.„Es kommt nicht auf die Leistung, sondern auf das Erlebnis an“. Dieses Zitat stammt von Anderl Heckmair (1906–2005, bayerischer Bergführer und Alpinist, „Heckmair-Route“ durch die Eiger-Nordwand). Sein Sohn „Andi“ gilt mit seiner legendären „Heckmair-MTB-Route“ als Transalp-Erfinder.

Der Transalp-Boom ist ursprünglich einem schweren Lawinenunfall im Winter 1979/80 von Andreas Heckmair zu verdanken. Bergsteigen oder Skifahren konnte er in der bisherigen Form nicht mehr ausüben und so sattelte er zunächst um auf das Rennrad. Wenn man jedoch als langjähriger Bergführer sehr verwurzelt mit den Bergen ist und einem nur das Rad bleibt, dann kommt man wohl auf die Idee des „Bike-Bergsteigens“.

Aus einem Lineal-Strich auf der Karte wurde 1989 die „Heckmair-Route“ Entlang dieses Striches suchte er unter größtmöglicher Vermeidung von aller Art Straßen, einen Weg über die Berge von Oberstdorf zum Gardasee Im Juli 1990 ist er die Strecke dann mit zwei Freunden gefahren. Eine Federgabel gab es damals noch nicht. Der erste „Rock Shox-Dämpfer“ kam gerade erst auf den deutschen Markt.

Eine Reportage im „Stern“ und ein Filmbericht des „Bayerischen Rundfunks“ lösten danach einen regelrechten Transalp-Boom aus.

Doch warum folgten so viele diesem Hype? Lust auf Neues, auf Abenteuer oder die Suche nach einer Herausforderung? Es scheint, es hat die Biker-Szene nur auf Andi´s Idee gewartet.

Egal unter welchem Aspekt man startet und ob man alleine nach „Jakobsweg-Art“ zur Selbstfindung, oder mit der Gruppe unterwegs ist, der „Mensch“ wächst durch das Erlebte mit jedem gefahrenen Kilometer. Unterwegs mit einer Gruppe geschieht das Einordnen in die Gemeinschaft durch Selbstverständnis.

Kameradschaft, gegenseitiger Verlass und ein gutes Miteinander sind Voraussetzung für Harmonie und Gelingen - und irgendwie finden sich alle ganz automatisch in der Gruppe.

Der Mensch als Betrachter einer erhabenen Bergwelt. Das Miteinander, die gegenseitige Toleranz zwischen Bergsteiger und Biker funktioniert hier 

allen negativen Berichten der Medien zum Trotz. Jeder möchte doch irgendwie den Augenblick genießen. Zwar erntet man oft bei einer anstrengenden Schiebe- oder Tragepassage den einen oder anderen fragwürdigen Blick, an ein böses Wort kann ich mich aber bei keinem Alpencross erinnern.

Bergan mit jeder mühevollen Kurbelumdrehung oder auch durch die Konzentration bergab im Trail, rücken die alltäglichen Probleme immer weiter in den Hintergrund. Man entdeckt plötzlich sich und sein Leben; der Alltag verschwindet. Die faszinierenden Charaktere der verschiedenen Landschaften und die fantastischen Bergwelten laufen in meist nur 5 bis 7 Tagen wie ein Film an einem vorüber. Ein Wanderer braucht dazu Wochen. Almen, Felsen und Gletscher lassen einem schließlich alles vergessen. Wer dann nach rund 400 km und je nach gewählter Route zwischen 4500 und 18.000 Höhenmetern am Ufer des „Lago“ steht, der hat sich wieder selbst gefunden.

Dabei kommt es nicht auf Schwierigkeit, Risiko oder die Länge der Strecke an. Selbst wenn man ein Ziel einmal nicht erreicht, man ist doch wieder ein Stück weiter gekommen.

Es muss nicht weiter, höher oder steiler sein, es kann sich jeder seinen eigenen „Gardasee“ als Ziel setzten, denn wie gesagt: „Nicht auf die Leistung kommt es an, sondern auf das Erlebnis“.

Wer sich sein Erlebnis als Ziel setzt, der erfährt ein Glücksgefühl, von dem er lange zehren kann.

Kurzinfo - Übersicht Heckmair-RouteSentiero della Pace 01

Erste von inzwischen unzähligen Transalp-Routen

  • Von Oberstdorf nach Riva auf möglichst gerader Linie
  • Ca. 320 Kilometer und 13.500 Höhenmeter, 10 Pässe

In fünf Tagen über die Alpen: Etappen-Beispiel von Andi Heckmair

  • Oberstdorf – Schrofenpass – Rauhes Joch – Gargellen (1,5 Std. schieben/tragen)
  • Schlapinerjoch – Scalettapass – Scanfs (3 Std. schieben/tragen)
  • Chaschaunapass – Passo Torre di Frade – St. Catarina
  • Passo di Gavia – Passo di Campo – Val Daone (4 Std. schieben)
  • Passo Ampola – Passo Tremalzo – Riva